Grafenwald

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Holthausen

 

Grafenwald war bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts eigentlich ein Teil der Kirchhellener Bauernschaft Holthausen. Erst durch den Bau einer eigenen Schule und Kirche nabelte sich "der Wald des Grafen", benannt nach dem ehemaligen Besitzer Graf von Merveldt, von Holthausen und Kirchhellen ab. Das heutige Gebiet des Ortes ist gleichbedeutend mit dem Pfarrbezirk der katholischen Gemeinde "Heilige Familie". Dieser reicht von der Straße Lehmschlenke im Norden bis zur Grenze Oberhausens im Westen, Alt-Bottrops im Süden und Gladbecks im Osten. Auf dem Gebiet leben auf sechzehneinhalb Quadratkilometern rund 6300 Menschen. Holthausen gehört heute mit Ekel und Feldhausen zum statistischen Bezirk Nord-West, in dem etwas mehr als 1600 Menschen leben.


Der "Wald der Grafen"
1240 tritt das Gebiet des heutigen Grafenwald zwar zum ersten Mal ins Licht der Geschichte: auf dem Gut Deffth, das im Gebiet der heutigen Straße "Sensenfeld" lag, siedelte sich ein Frauenkloster des Zisterzienserordens an. Von einem eigenen Ortsteil kann aber über Jahrhunderte nicht die Rede sein. Allein die Existenz des Namens "Grafenwald" ist ein Stück Lossagung vom Dorf Kirchhellen, denn offiziell gibt es diese Bezeichnung noch nicht lange, auch wenn das heute kaum mehr im Bewusstsein der "Wöller" verankert ist, wie die Grafenwälder mundartlich genannt werden. Erst 1823 taucht "Grafenwald" als eine Flurbezeichnung für den südlichen Teil Holthausens im Kirchhellener Urkataster auf. Denn der stark bewaldete Teil des Bezirks Holthausen mit dem ursprünglichen Namen Voss-Sundern war 1733 als Lehen von der Abtei Werden an die Grafen von Merveldt und Nesselrode gegangen. So begann man in der Bevölkerung vom "Wald des Grafen" zu sprechen.
"Wöller": Menschen, die am Wald wohnen. Halb Bergmann und halb Bauer.

Ebenso bekam die Grafenmühle ihren Namen. Sie wurde 1755 vom Grafen von Merveldt von Bottrop-Vonderort nach Voss-Sundern verlegt. Bis in die 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts wurde dort noch Mehl gemahlen. Bis heute entwickelte sich dort die inzwischen bei Motorrad-Fahrern besonders beliebte Freizeitanlage. Obwohl 1830 der Wald vom Grafengeschlecht weiterverkauft worden war, hielt sich der Begriff. Die Menschen, die in diesem Gebiet lebten, wurden von den übrigen Holthausenern als die "Wöller", die am Wald Wohnenden, bezeichnet.


Ein historischer Unabhängigkeitsdrang

Eine erste Abgrenzung zu Kirchhellen kam mit dem Bau der Schule. Sechs Jahre wurde gekämpft, bis sie 1876 endlich eröffnet wurde. Sie trug den Namen "Schule in Holthausen", wurde jedoch 1892 in "Schule Grafenwald" umbenannt, nachdem im nördlichen Holthausen die Gregorschule gebaut worden war.

Ein weiterer Schritt in Richtung Grafenwald bedeutete die Gründung einer eigenen Kirchengemeinde. Von der Idee bis zur Einweihung 1899 vergingen wiederum sechs Jahre, in denen sich die "Wöller" gegen die Bestimmungen aus Kirchhellen zur Wehr setzen mussten. Dann aber bekam die Kirche "Heilige Familie" den stolzen Zusatz "Grafenwald". Ihr Pfarrgebiet umfasste das, was den heutigen Ortsteil ausmacht. Mit Schule und Kirche setzte sich langsam die Bezeichnung Grafenwald und das Gefühl durch, ein eigener kleiner, unabhängiger Ort zu sein.

Heute erinnern sich nur noch die Älteren daran, dass sie einmal ein Teil von Holthausen waren. Johannes Eulering, dessen Familie seit dem 16. Jahrhundert auf dem Gebiet von Grafenwald lebt, erzählt beispielsweise, dass sein Elternhaus, als es noch keine direkten Straßennamen gab, die Postanschrift "Holthausen 111" hatte, weil es das 111. Haus war, das in der Bauernschaft gebaut worden war.


Industrialiserung und Bergbau beeinflusst auch die "Wöller"

Der Bergbau machte in über 100 Jahren aus dem ländlichen Grafenwald allmählich ein bevorzugtes Wohngebiet für Bergmannsfamilien.

Aber nicht nur durch die Abnabelung von Kirchhellen entwickelten die"Wöller" Selbstbewusstsein. Von großer Bedeutung erwisen sich auch die Industrialisierung und der Bergbau, der aus dem Ruhrgebiet heraus bis nach Grafenwald strahlte. Ende des 19. Jahrhunderts kam eine große Welle von Einwanderern nach Grafenwald. Sie wollten zwar auf dem Land leben wollten, suchten aber in den Zechen Bottrops und Oberhausens Arbeit. Aus diesem Grund ist bis heute so manch polnischer Nachname rund um die Schneiderstraße zu finden.

Von rund 40 Häusern im Jahr 1849 in Grafenwald stieg die Zahl allein bis 1914 auf 167 Häuser, in denen 237 Familien lebten. 150 davon wurden unter anderem durch den Bergbau ernährt. Auch viele alteingesessene Grafenwälder setzten damals auf den Bergbau. Denn im Vergleich zu den Bauern in Kirchhellen war der Landbesitz in Grafenwald gering. Bis zur Industrialisierung hatten viele "Wöller" ihr Dasein als Tagelöhner gefristet, teilweise als Knechte und Mägde auf Kirchhellener Höfen.

Auch der Vater von Johannes Eulering arbeitete unter Tage, auf der Zeche Prosper III in Bottrop. Nach der Schicht als Bergmann verwandelte er sich dann am Nachmittag wieder in den Kötter, der seine Felder bestellte. Zu den Zechen in den umliegenden Städten kam 1960 mit Prosper IV der erste Schacht auf Grafenwälder Boden dazu. 1980 folgte Schacht 10 am alten Postweg. Heute ist Grafenwald einer der Orte in Deutschland, an denen überhaupt noch Kohle-Bergbau betrieben wird.


Nähe zu Bottrop und eigenes Wahrzeichen
Aber nicht nur die Sprache änderte sich in Grafenwald. "Neue Moden kommen über Feldhausen nach Kirchhellen, neue politische Ideen über Grafenwald", soll einst Pfarrer Schülting aus Kirchhellen über das SPD-starke Grafenwald gesagt haben. 1976 bei der Frage der kommunalen Neuordnung, bei der die bis dahin selbstständige Landgemeinde Kirchhellen eine "Zwangsehe" mit Bottrop schloss, war so mancher Grafenwälder eigentlich mit der "Bottrop-Ehe" ganz einverstanden. "Wir in Grafenwald sind eine besondere Mischung aus Tradition und Moderne und aus der Mentalität im Ruhrgebiet und im Münsterland", fasst Johannes Eulering zusammen.

Diese Charakteristika werden auch in dem Logo deutlich, das die Ortsgruppe Grafenwald des Kirchhellener Vereins für Orts- und Heimatkunde der Öffentlichkeit vor Kurzem vorstellte. Um die Symbole Wald, Kirche und (Förder-) Rad laufen zwei ineinander greifende Ellipsen, die die verschiedenen Seiten der Grafenwälder Identität symbolisieren.


Wohnqualitäten

Nachdem die Zugezogenen in Grafenwald anfangs vor allem wegen der Arbeit im nahen Ruhrgebiet kamen, entdeckten die Menschen aus dem Ballungszentrum seit den 60er-Jahren immer mehr die Wohnqualitäten des Ortes. In dieser Zeit entstanden an dem bis dahin weitgehend unbefestigten Weg Schneiderstraße die ersten Sechs-Familien-Häuser. Später ging der Trend zu kleinen Eigenheimen für die in den Grüngürtel des Ruhrgebiets flüchtenden Städter. Es entstanden unter anderem die Schmiedestraße, Gerberstraße, Töpferstraße und noch viele weitere Straßen rund um die alten Handwerksberufe im Gebiet zwischen Schneiderstraße und der Straße Vossundern. Auf der nördlichen Seite der Schneiderstraße kamen der Ottenschlag und Ottenkamp dazu. Auch heute noch werden immer wieder neue Flächen zur Bebauung ausgewiesen.

Die Stimmung wegen der zunehmenden Bebauung ist in der Bevölkerung gemischt. Gute Argumente dafür und dagegen gibt es reichlich: "Den dörflichen Charakter erhalten und mit dem Zubauen aufhören", so lautet die Forderung der einen Gruppe, die manchmal vergisst, dass ein Großteil der Grafenwälder Bevölkerung selbst aus Zugezogenen besteht, auch wenn das schon ein bis zwei Generationen zurückliegt. "Die Einwohnerzahl noch weiter anheben, damit eine bessere Infrastruktur entstehen kann", fordert ein anderer Teil.


Infrastruktur und Bergschäden

Bisher gibt es in Grafenwald neben dem Wochenmarkt nur eine Apotheke und einen Supermarkt. Und dieser will in absehbarer Zeit schließen. Mit anwachsender Bevölkerung erhofft man sich, dieser Entwicklung entgegensteuern zu können. "Was fehlt, ist ein vernünftiges politisches Konzept für eine weitere Bebauung", meint Peter Scheidgen. Als engagierter Bürger sieht der 48-Jährige, dessen Familie seit 1840 in Grafenwald wohnt, dass noch Platz für weitere Besiedlung da ist, erkennt aber auch, dass in der Vergangenheit Fehler begangen wurden: "Der Versuch, den Ortskern weg von der Kirche auf den östlichen Teil der Schneider-straße zu verlegen, hat nicht funktioniert", berichtet er. Zudem fehle ein ausgereiftes Verkehrskonzept für die steigende Einwohnerzahl.

Ein weiteres Problem sind die Bergschäden. In den letzten Jahren hat Grafenwald durch Bergsenkungen etliche Höhen-Meter eingebüßt. Durch die Bergsenkungen in Grafenwald versinken die Wälder in Seen wie an der B 223. Das führt unter anderem dazu, dass die Flüsse hier anfangen, "bergauf" zu fließen. Um das zu verhindern, muss die Boye mehrere Meter hoch gepumpt werden. Doch trotz verstärkter Maßnahmen von Seiten der Emschergenossenschaft, dem Bergbau und der Politik ist das Problem noch nicht gelöst, dass in Grafenwald die Keller volllaufen und Häuser wegen der Bergschäden abgerissen werden müssen. Bekanntestes Opfer der Bergschäden war die alte katholische Kirche. Sie wurde 1970 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Inzwischen zeigt auch dieser Neubau heute wieder Risse.

Ansonsten gibt es aber keine "Risse" in dem Ortsteil. "Grafenwald gibt mir mit seinen festen Bräuchen und der funktionierenden Nachbarschaft Identität und Geborgenheit. Es ist ein gutes Gefühl, bekannten Boden unter den Füßen zu haben", beschreibt Peter Scheidgen.

Quelle: http://www.bottrop.de